Das Epos von Oghuz-Khan
Das Oğuz Kağan Epos ist das älteste und grundlegende epische Werk in der türkischen Mythologie, das die Geburt, Heldentaten, Wanderungen und den Kampf von Oğuz Kağan um die Herrschaft über die Welt erzählt.
Erstes Kapitel: Heilige Geburt und erster Atem – Das Kind vom Himmel 1. Das Gebet des Kara Han und die wunderbare Schwangerschaft Kara Han ist ein mächtiger und weiser Herrscher; jedoch ist das Fehlen eines Erben, dem er seinen Thron anvertrauen kann, sein größtes Leid. Jahrelang fleht er den Himmelsgott an; er bringt den Geistern der Vorfahren Opfergaben dar; er betet tagelang hungrig und nackt auf den Gipfeln der heiligen Berge. Der Himmelsgott lässt dieses aufrichtige Flehen nicht unbeantwortet. Eines Nachts, am vierzehnten Tag des Mondes, hat die Frau des Kara Han einen außergewöhnlichen Traum: Ein strahlender Lichtstrahl, der vom Himmel herabkommt, durchbohrt ihren Bauch wie ein Blitz und erfüllt ihren ganzen Körper mit unbeschreiblicher Wärme. Als sie aufwacht, erkennt sie, dass in ihr neues Leben keimt. Neun Monate und neun Tage später (eine Zahl, die in der türkischen Mythologie für Vollendung und Heiligkeit steht), blitzen Blitze über dem Zelt, der Himmel donnert und die Regenwolken zerstreuen sich, während die Sonne aufgeht. Genau in diesem Moment kommt der Held der Sage zur Welt. 2. Die Geburt von Oğuz und seine außergewöhnlichen Eigenschaften Kaum geboren, zeigt das Kind mit jedem seiner Teile, dass es kein gewöhnliches Baby ist. Es saugt seine Mutter nur einmal; dies ist das erste Zeichen dafür, dass es nicht von irdischen Bedürfnissen abhängig ist. Schon im Wiegen spricht es, und wenn es die Augen öffnet, verstummen alle im Raum; denn diese Augen sind scharf und glänzend wie die eines Schakals. Der Text in Uigurischer Schrift beschreibt ihn mit diesen unvergesslichen Versen: "Sein Gesicht war himmelblau, seine Lippen feuerrot, seine Augen rot, seine Haare und Augenbrauen waren pechschwarz." Diese Beschreibung ist der Beweis dafür, dass er ein kosmisches Wesen ist: Sein blaues Gesicht repräsentiert den Himmelsgott, seine rote Lippe die Sonne und das Feuer, und sein schwarzes Haar die Tiefen und die Dunkelheit der Erde. Mit gerade einmal vierzig Tagen beginnt er zu sprechen; bevor er das Gehen lernt, rennt er und reitet auf einem Pferd. Sein Körper wird, gemäß der Sage, so beschrieben: "Seine Füße waren wie die eines Bullen, seine Taille wie die eines Wolfes, seine Schultern wie die eines Marders, und seine Brust war wie die eines Bären." Dies zeigt, dass er die Eigenschaften aller mächtigen Tiere der Natur in sich vereint. Er ist die Faust Gottes auf Erden. 3. Der Schrecken des Waldes: Nashorn und der erste Heldentum In der Region, in der Oğuz aufwächst, lebt ein schreckliches Wesen, das Schrecken über die Herden und das Volk bringt. Es ist ein riesiges Nashorn (im Uigurischen Text als "kök yelek" oder "kıand" bezeichnet); sein Horn ist so spitz wie ein Speer, und seine Haut ist so dick wie eine Rüstung. Jede Nacht greift es die Herden an und verschlingt große Pferde und Ochsen in einem Bissen. Das Volk ist hilflos; selbst die besten Jäger von Kara Han können dieses Ungeheuer nicht besiegen. Der junge Oğuz kann bei dieser Situation nicht tatenlos zusehen. Er nimmt sein Schwert, seinen Speer, seinen Bogen und seinen Schild und macht sich auf den Weg in den Wald. Er verfolgt tagelang die Spur. Schließlich trifft er am Fuße eines Berges auf das Ungeheuer, das sich durch die Bäume frisst. Das Nashorn greift Oğuz mit einem schrecklichen Brüllen an, sobald es ihn sieht. Oğuz springt mit einer geschickten Bewegung zur Seite; er rammt seinen Speer in die Flanke des Ungeheuers, aber der Speer kann die dicke Haut nicht durchdringen. Daraufhin läuft er zwischen die Bäume und lockt das Ungeheuer hinter sich her. Das Nashorn kann nicht bremsen und rammt seine Hörner in eine große Eiche und bleibt feststecken. In diesem Moment wirft Oğuz seinen Schild zur Seite und greift mit beiden Händen nach seinem Schwert; mit einem einzigen Schlag trennt er den Kopf des Ungeheuers vom Körper. Er reißt ihm die Eingeweide heraus, häutet es und kehrt mit der Beute zu seinem Stamm zurück. Das Volk empfängt ihn begeistert. Dieser Sieg erklärt, dass er nicht nur ein Krieger, sondern auch ein Retter für alle Stämme ist. Zweites Kapitel: Göttliche Partner und himmlisches Geschlecht – Kinder des Lichts und des Baumes 4. Die Gefährtin, die mit göttlichem Licht kommt: Kosmische Vereinigung Der nun ein Held gewordene Oğuz Kağan betet eines Tages inmitten der Steppe unter den Sternen ein Dankgebet an den Gök Tanrı. In diesem Moment erscheint ein Licht am dunklen Himmel. Dieses Licht ist heller als die Sonne und silberner als der vollste Mond. Es schwebt langsam zur Erde hinab und landet vor Oğuz. Inmitten des Lichts sitzt ein wunderschönes Mädchen. Direkt über ihrem Kopf befindet sich ein smaragdgrüner Fleck, der an den Polarstern erinnert. Ihr Haar glänzt wie der Nachthimmel; ihre Haut ist so weiß wie frisch gefallener Schnee. Sie ist so schön, dass man glaubt, wenn sie lächelt, auch der Gök Tanrı lächelt, und wenn sie weint, auch der Gök Tanrı weint. Oğuz ist auf den ersten Blick von diesem göttlichen Wesen fasziniert. Er nähert sich ihr und fragt nach ihrem Namen. Das Mädchen lächelt, als wollte sie sagen: "Ich bin eine Gabe Gottes." Oğuz heiratet sie. Diese Vereinigung ist die heilige Ehe zwischen Himmel und Erde, zwischen Geist und Körper. Die Hochzeit dauert vierzig Tage und Nächte; alle Stämme nehmen an diesem Fest teil. Aus dieser Ehe kommen Oğuz' erste drei Söhne zur Welt. Er gibt ihnen nacheinander die Namen Kün (Tag), Ay (Mond) und Yulduz (Stern). Diese Namen repräsentieren die helle Seite des Himmels, das Himmlische und das Licht. Sie sind die Vorfahren der drei großen Stämme, die später den Bozok-Zweig des türkischen Volkes bilden werden. 5. Die Fee im Baumstamm: Die zweite Vereinigung mit dem Geist der Natur Nach seiner ersten Ehe geht Oğuz eines Tages auf die Jagd. Er überquert Berge und Bäche; er wandert tagelang umher. Schließlich erreicht er eine kleine Insel inmitten eines Sees. Im Zentrum der Insel steht ein gewaltiger Platanenbaum, dessen Äste zum Himmel ragen und dessen Wurzeln bis in die Tiefen der Erde reichen. In der Höhle des Baumes sitzt erneut ein Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Ihre Augen funkeln zwischen Himmelblau und Meeresgrün; ihr Haar ist üppig und beweglich wie das Wasser eines rauschenden Flusses; ihre Zähne sind wie aufgereihte Perlen. Sie ist der Geist des Lebens, das aus dem Baum entspringt, der Erde und der Natur. Dieses Mädchen ist nicht himmlisch wie eine aus dem Himmel kommende Gefährtin, sondern völlig irdisch und fruchtbar; sie ist die Verkörperung des Überflusses. Oğuz heiratet auch mit diesem Mädchen. Diese zweite Ehe ist ein Spiegelbild der Legende, dass die Türken von Bäumen abstammen (wie die Kiptschak-Legende) in der Erzählung von Oğuz. Aus dieser Vereinigung kommen drei Söhne zur Welt. Er gibt ihnen die Namen Kök (Himmel), Tağ (Berg) und Tengiz (Meer). Diese Namen repräsentieren die Erde, die Materie und die drei großen Kräfte der Natur. Sie werden die Vorfahren des zukünftigen Üçok-Zweigs sein. Drittes Kapitel: Weltbeherrschung – Die Armee, deren Banner die Sonne ist 6. Der Kağanlık Toy und die Verkündung der Zeremonie Nach dem Tod seines Vaters Kara Han ruft Oğuz alle Stämme zu einem großen Toy (Kurultay) zusammen. Dieser Toy ist nicht nur eine Krönungszeremonie, sondern auch die Verkündung des Beginns einer neuen Ära. Oğuz lässt neun Fahnen aufstellen; er lässt in neun Kesseln Fleisch kochen; er lässt neunzig bunte Zelte aufschlagen. Als er den Thron besteigt, ruft er die historischen Worte aus, die das Wesen der türkischen Staatsphilosophie und des Ideals der Weltbeherrschung ausmachen: "Ich bin euer Kağan geworden, Lasst uns mit Bogen und Schild nehmen, Ein Zeichen sei uns das Schicksal (Glück, Schicksal), Der Wolf sei unser Kriegsschrei, Der eiserne Speer (Lanze) sei der Wald, Im Jagdgebiet soll der Esel (wildes Tier) laufen, Mehr Meer, mehr Fluss, Die Sonne sei das Banner, der Himmel das Zelt." Diese Worte werden in das Gedächtnis jedes türkischen Soldaten eingeprägt und sind das grundlegende Manifest des Eroberungsgeistes, der über Jahrhunderte hinweg bestehen bleibt. 7. Gesandte in alle Richtungen und universeller Aufruf Oğuz Kağan ist nicht nur ein Eroberer mit seinem Schwert, sondern auch mit seinem Gesetz. Kaum hat er den Thron bestiegen, sendet er Gesandte und Bitig (Ferman) an die Herrscher der vier Ecken der Welt. In diesen Ferman steht der berühmte Satz: "Ich bin der Kağan der Türken. Ich muss der Herrscher der vier Ecken der Erde sein. Auch ihr sollt mir gehorchen." Der Altun Kağan im Osten (der chinesische Kaiser) antwortet auf diesen Aufruf mit Geschenken und erklärt seine Unterwerfung. Der Urum Kağan im Westen (der römisch-byzantinische Kaiser) hingegen weist diesen Aufruf frech zurück. Daraufhin versammelt Oğuz seine Armee und bricht zu dem großen Feldzug auf, der den Lauf der Geschichte verändern wird. 8. Die Führung des Bozkurt und die göttliche Wegweisung Die Armee, während sie in endlosen Steppen in unbekannte Länder vorrückt, erscheint eines Morgens direkt vor dem Lager ein himmelblauer, himmelgefiederter, riesiger männlicher Wolf (Bozkurt). Dieser Wolf ist ein verkörpertes Zeichen Gottes. Seine Augen leuchten wie Sterne, und seine Haltung scheint zu sagen: "Folgt mir!" Der Bozkurt beginnt zu gehen; die Armee folgt ihm. Wenn der Wolf anhält, lagert die Armee, wenn der Wolf weitergeht, macht sich die Armee auf den Weg. Dieser heilige Führer trägt die türkische Armee über Berge, Flüsse und Wüsten, von Sieg zu Sieg. Dieses Motiv ist das stärkste Symbol für den Glauben der Türken, "vom Wolf abzustammen", und dass sie ein von Gott geleitetes Volk sind. 9. Urum Khagan und die Große Schlacht und die Ersten Eroberungen Die unter der Führung des Bozkurt vorrückende Armee erreicht schließlich die Grenze von Urum (Rom). Als der Urum Khagan die stählerne Armee von Oğuz vor sich sieht, ist er zunächst überrascht, aber er kann seiner Ehre nicht widerstehen und tritt ins Schlachtfeld. Die beiden Armeen stehen sich in einer endlosen Ebene gegenüber. Der Krieg dauert tagelang; der Himmel ist voller Staub und Rauch, die Erde dröhnt vom Wiehern der Pferde und dem Klirren der Schwerter. Oğuz, an der Spitze seiner Armee, mäht jeden nieder, der ihm in den Weg kommt. Das Epos beschreibt Oğuz in diesem Krieg so: Er ist wie ein Drache, der in ein Rudel Löwen eingedrungen ist und Feuer aus seinen Augen speit. Die Armee des Urum Khagan wird in Stücke gerissen; der Khagan selbst kann nur durch Flucht sein Leben retten. Oğuz erobert das Urum-Land vollständig; er bindet sein Volk an seine Tradition, stellt Gerechtigkeit her und verteilt die Beute an seine Armee. 10. Überquerung des Itil (Wolga) Flusses und die Kiptschak-Legende Die Armee zieht weiter nach Westen. Vor ihnen erscheint der legendär breite und ungestüme Fluss Itil (Wolga). Der Fluss ist so groß, dass es Tage dauert, eine Brücke darüber zu bauen. Genau in diesem Moment findet einer der treuesten Beys von Oğuz einen Übergang in den gefährlichen Wassern des Flusses oder überquert den Fluss mutig, indem er auf einem Baumstamm reitet (laut einigen Versionen, indem er ein Floß baut). Als dieser tapfere Bey vor Oğuz erscheint und siegreich zurückkehrt, sagt Oğuz Kağan zu ihm: "Du wirst von nun an Kıpçak (ausgehöhlter Baum) genannt werden!" Dies ist die Schöpfungslegende der Kıpçak-Türken (Kumanen). Oğuz schenkt ihm eine große Heimat und Reichtümer. 11. Der Traum des Ulu Türk, das Eisenwagen und die Zivilisation Während des Feldzugs hat Ulu Türk (in einigen Texten Irkıl Hoca), einer der weisesten Berater von Oğuz Kağan, eines Nachts in seinem Zelt einen außergewöhnlichen Traum. In seinem Traum erscheint ein riesiger goldener Bogen, der nach Westen zeigt, und drei silberne Pfeile, die nach Osten zeigen. Kaum wach, rennt er zu Oğuz und erzählt von seinem Traum. Nachdem Oğuz diesen Traum gehört hat, versinkt er in tiefes Nachdenken und äußert folgende Deutung: "Der Himmel Gott hat mir die ganze Welt geschenkt. Der Bogen repräsentiert den Himmel und die Herrschaft; die Pfeile hingegen re