König Midas und die goldene Berührung
Der König von Phrygien, der alles, was er berührte, in Gold verwandelte, aber bemerkte, dass diese Kraft zu Hunger und dem Verlust seiner Lieben führte.
Erster Teil: Der Goldene Touch – Die Tragödie der Gier 1. Der Weise im Rosengarten: Die Gefangennahme des Silenos Die Geschichte beginnt mit einem prächtigen Umzug des Weingottes Dionysos (Bacchus in Rom) durch die Länder Phrygien zur Zeit der Weinlese. Der Zug von Dionysos ist ein Ausdruck von Ekstase und der wilden Seite der Natur; er besteht aus Satyrn, Maenaden (entzückten weiblichen Anhängern) und einer fröhlichen Menge, die auf Eseln reitet und Weinschläuche trägt. Das angesehenste Mitglied dieses Zuges ist der alte Satyr Silenos, die Amme und Lehrer von Dionysos. Silenos ist bekannt für seine Weisheit, seine Fähigkeit zur Weissagung und gleichzeitig für seine ungezügelte Trunkenheit. Der Legende nach offenbart er im betrunkenen Zustand die Geheimnisse der Vergangenheit und der Zukunft. Während des Umzugs trennt sich Silenos, benommen vom Einfluss des räuchernden Weins, vom Zug und verliert den Weg. Wankend betritt er den außergewöhnlich schönen Rosengarten von König Midas. Dies ist nicht nur ein Garten, sondern ein Symbol für den Reichtum Phrygiens; hier blühen Rosen in allen Farben und zu jeder Jahreszeit, und der Gesang der Vögel verstummt nie, es ist fast ein Stück vom Himmel. Silenos schlüpft zwischen den Rosen und fällt in einen tiefen Schlaf. 2. Midas' Gastfreundschaft und das Fest, das zehn Tage und zehn Nächte dauert Als die Diener des Palastes diesen seltsamen, halb Ziegen- halb Menschen alten Mann finden, der mit seinem Schnarchen die Rosen zum Wanken bringt, bringen sie ihn sofort zu König Midas. Midas erkennt Silenos. Er erinnert sich, ihn zuvor bei den geheimnisvollen Ritualen seiner Mutter Kybele gesehen zu haben, als er diesen heiligen Lehrer von Dionysos sah. Er behandelt ihn nicht wie einen Gefangenen oder einen ungebetenen Gast, sondern wie einen höchsten Ehrengast. Er lässt die Ketten von Silenos lösen, kleidet ihn in purpurfarbene Gewänder und beginnt zu seinen Ehren ein prächtiges Fest, das zehn Tage und zehn Nächte dauern wird. Dies ist eine Feier, bei der Brot, Fleisch und die erlesensten Weine Phrygiens in Strömen fließen. In diesen zehn Tagen vertiefen sich Midas und Silenos in tiefe Gespräche. Silenos erzählt Midas, inspiriert durch den Wein, Geschichten aus den fernen Ecken der Welt: von den glücklichen Ländern jenseits des Ozeans, von der Stadt der Hyperboreer über den Wolken und von Geheimnissen, die selbst die Götter nicht kennen. Diese Erzählungen erweitern Midas' Horizont, schüren aber gleichzeitig auch den Wunsch in ihm, mehr zu besitzen, den Reichtum der Welt in seiner Hand zu spüren. 3. Die Großzügigkeit des Dionysos und der Wunsch nach Schicksal Als das Fest zu Ende geht, macht sich Midas persönlich auf den Weg, um Silenos respektvoll zurück zu seiner Gruppe zu bringen. Dionysos wendet sich mit tiefer Dankbarkeit an Midas, weil er seinen verlorenen Lehrer wohlbehalten und glücklich sieht. "Oh Midas," sagt der Gott, "bitte, wünsche dir, was immer du dir wünschst, als Dank für diese Güte. Ich werde es dir gewähren." In diesem Moment hebt sich die Waage des Schicksals in die Höhe. Midas denkt, beeinflusst von den außergewöhnlichen Geschichten, die er von Silenos gehört hat, und dem unermesslichen Reichtum der Welt, darüber nach, wie unzureichend und gewöhnlich alles ist, was er tatsächlich besitzt. Gold ist in seinen Augen nicht mehr ein gewöhnliches Metall, sondern der Kern dieser faszinierenden Welt. Ohne zu zögern, flüstert er einen der berühmtesten Wünsche der Geschichte: "Schenke mir eine solche Macht, oh erhabener Dionysos, dass alles, was mein Körper berührt, jedes Wesen, in strahlend glänzendes reines Gold verwandelt wird." Das Gesicht von Dionysos verfinstert sich. Für einen Moment scheint er das schreckliche Schicksal hinter diesem Wunsch zu erahnen. Sein Herz zieht sich zusammen, denn er weiß, dass dieser Wunsch von Midas kein Segen, sondern ein Fluch ist. Doch das Wort eines Gottes ist wie ein geschworener Eid; es kann nicht zurückgenommen werden. Dionysos sagt mit schwerer Stimme: "Es sei, wie du es wünschst." Und von diesem Moment an füllen sich Midas' Hände mit einer Kraft, die dem Berühren des Todes nicht unähnlich ist. 4. Der Rausch der Macht: Die Verwandlung der Natur und des Palastes in Gold Midas verlässt ungeduldig Dionysos, um seine Macht zu testen. Auf dem Weg fällt sein Blick auf einen niedrigen Ast einer Eiche. Er streckt die Hand aus und bricht den Ast ab. Mit einem Knacken verwandelt sich der abgebrochene Ast sofort in eine schwere, glänzende Goldstatue. Verwirrt und erfreut setzt er seinen Weg fort; er hebt einen Kieselstein vom Boden auf, auch dieser wird zu Gold. Er berührt einen Weizenähren; die Körner verwandeln sich in goldene Tropfen. Er pflückt einen Apfel vom Baum; nun ist er ein goldener Apfel, der aus dem Garten der Hesperiden stammt. Angesichts dieses Wunders, das ihn den Verstand verlieren lässt, rennt Midas berauscht von seinem Sieg zu seinem Palast. Die Türrahmen, die Marmorsäulen, die bronzenen Statuen, alles verwandelt sich sofort in unbezahlbares Gold. Sein Palast wird zu dem reichsten Bauwerk der Welt, das das Sonnenlicht blendend reflektiert. Er gibt seinen Dienern Befehle; um dieses einzigartige Wunder zu feiern, verlangt er, dass an diesem Abend das größte Festmahl vorbereitet wird. Er fühlt sich als der mächtigste und glücklichste König der Welt. Doch als die Sonne untergeht und der Festtisch gedeckt wird, verwandelt sich dieser Traum plötzlich in einen Albtraum. 5. In den Fängen der Katastrophe: Der Schrecken von Hunger und Durst Midas setzt sich gierig an den Tisch. Das erste Brot, das er greift, verwandelt sich in dem Moment, in dem es seine Finger berührt, in einen harten, kalten, schweren Goldbarren. Er ist überrascht, greift aber sofort nach einem Glas Wein; die Flüssigkeit, die seine Lippen berührt, verhärtet sich sofort wie geschmolzenes Gold und fließt ihm nicht die Kehle hinunter. Panisch greift er nach einem Fleischgericht; das fleischige Stück verwandelt sich mit seiner Berührung in eine goldene Tafel, wie das Werk eines Bildhauers. Er kann keinen Bissen essen und keinen Schluck trinken. Obwohl alles um ihn herum aus reinem Gold ist, sitzt Midas an diesem Tisch als der reichste, hungrigste und durstigste Mann der Welt. Mit der Zeit verwandelt Hunger und Durst ihn in ein Skelett. Er wandert wie ein elender Bettler zwischen den Goldstücken umher. Er wird gierig nach einem einfachen Wassertropfen, nach der trockensten Brotrinde. Schließlich erkennt er, dass er diese unerträgliche Qual nicht länger ertragen kann. Er hebt seine Arme gen Himmel und fleht mit der tiefsten Reue seines Herzens Dionysos an: "Vergib mir, o erhabener Gott! Nimm diesen Fluch, der meine Augen blendet, von mir! Ich bin jetzt ärmer als mein wertlosester Diener. Bitte, nimm dieses giftige Geschenk von mir zurück!" 6. Reinigung im Paktolosfluss und der ewige Schatten der Reue Midass inniger Schrei und das erlittene schreckliche Leid berühren das Herz von Dionysos. Der Gott hat Mitleid mit ihm und zeigt ihm einen Weg zur Erlösung. Midas muss zum Paktolosfluss gehen, der am Fuß des Tmolosgebirges in Lydien entspringt und durch die Stadt Sardes fließt, um in den Hermos (Gediz) Fluss zu münden. Wenn er die Quelle des Flusses erreicht, wo das klarste Wasser sprudelt, muss er sich ausziehen und in diesen Gewässern baden. Midas befolgt den Befehl des Gottes genau. Er tritt in die kühlen Gewässer des Flusses, taucht seinen Kopf ein und wäscht seinen ganzen Körper. In diesem Moment fließt der "goldene Berührungs"-Fluch von seinem Körper ab und vermischt sich mit dem Wasser des Flusses. Der Legende nach haben die Sandkörner des Paktolosflusses im Laufe der Geschichte mit diesen Überresten des Fluchs, den Goldpartikeln, geleuchtet. Dieser Fluss ist auch die Quelle des legendären Reichtums des Königreichs Lydien geworden. Als der gereinigte Midas in seinen Palast zurückkehrt, ist er nun ein ganz anderer Mann. Er wird angewidert von Prunk, Gold und materiellem Reichtum. Er verlässt seinen Palast und seinen Thron weitgehend; er beginnt, seine Zeit in den Wiesen, zwischen Bäumen und Bächen zu verbringen und die reine und schlichte Schönheit der Natur zu genießen. Zweites Kapitel: Eselsohren – Das Zeichen von Hochmut und Dummheit 7. Ein neues Leben in der Stille der Wiesen Der von der goldenen Berührung befreite Midas hat all seine Gier nach Reichtum und Macht hinter sich gelassen. Er flieht oft aus dem Palast und wandert in den grünen Tälern Phrygiens, am Fuße des Tmolos. Hier wird er ein treuer Anhänger von Pan, dem Gott der Wiesen, Hirten, Herden und der wilden Natur. Pan ist der Erfinder der Flöte (syrinks) und seine grobe, rustikale, aber ebenso fröhliche Musik spricht Midas' neuer, einfacher Seele an. 8. Göttlicher Musikwettbewerb: Pan fordert Apollon heraus Während dieses Landlebens findet einer der berühmtesten Musikwettbewerbe der gesamten Mythologie statt. Der Gott der Hirten, Pan, ist so von der Schönheit der Klänge, die aus seiner selbstgemachten Pfeife kommen, begeistert, dass er, in seiner Überheblichkeit, den Meister der Musik und der Kunst, den Gott der Lyra (kithara), Apollon herausfordert. Pan behauptet, dass seine Pfeife überlegen sei zur goldenen Lyra Apollons. Diese dreiste Herausforderung verwandelt sich in einen Wettbewerb unter der Schirmherrschaft des alten Berggottes der Region, nämlich Tmolos, dem Geist des Tmolos. Der Wettbewerb findet am Fuße des Tmolos in einem heiligen Bereich statt, wo die Natur selbst ein Amphitheater bildet. Alle Waldnymphen (nympheler), Satyrn und Götter der Wiesen versammeln sich als Zuschauer. Midas ist ebenfalls unter diesen Zuschauern. Zuerst betritt Pan die Bühne. Er erhebt sich auf Ziegenbeinen, bringt seine Lippen zur Pfeife und beginnt zu blasen. Aus seiner Pfeife erhebt sich eine rohe, instinktive, fröhliche und tanzbare Melodie, die das Echo der Berge, das Rauschen des Windes und den Ruf der Tiere heraufbeschwört. Pans Musik erfüllt die Zuhörer mit einem archaischen Enthusiasmus; die Satyrn beginnen sich zu rühren, die Nymphen fangen an zu lachen. Als Apollon an der Reihe war, steht der Sonnengott auf. Mit seiner großen Statur, den goldenen Haaren und der Krone aus Lorbeerblättern ist er die Kunst selbst. Sobald er seine Finger über die Saiten der Lyra gleiten lässt, breitet sich eine göttliche Harmonie aus, die die Harmonie des Universums, die Bewegung der Sterne und die tiefsten Gefühle der Seele widerspiegelt. Diese Musik verstummt die wilde Natur, stoppt den Wind und lässt alle Lebewesen in Ehrfurcht erstarren. 9. Midas' Falsche Entscheidung und Apollons Zorn Der Schiedsrichter Tmolos zögert nicht einmal einen Moment. Er verkündet sein Urteil laut: Apollons göttliche Musik übertrifft die irdischen Klänge des Pan bei weitem, und der Sieg gehört Apollon. Alle Feen, Götter und sogar die Bäume rund um den Berg bestätigen diese Entscheidung, indem sie im Wind mit ihren Blättern rascheln. Alle sind sich einig. Alle, bis auf eine Person: König Midas. Obwohl Midas den Preis der Gier mit dem Fluch der goldenen Berührung bezahlt hat, hat er immer noch eine Schwäche, die er nicht überwinden kann: den Mangel an Ästhetik, das heißt, schlichte Geschmacklosigkeit. Für seine groben und ungebildeten Ohren klingt die einfache, vertraute und fröhliche Melodie des Pan viel angenehmer als Apollons komplexe und erhabene Harmonie. Er steht auf und erhebt als Sterblicher kühn Einspruch unter den Göttern. Er ruft aus, dass Tmolos' Entscheidung ungerecht sei und dass der wahre Sieg Pan zustehe. Apollon kann es nicht ertragen, dass ein Sterblicher seine göttliche Kunst in Frage stellt, und das auch noch zugunsten eines Ziegen-Gottes. Sein Zorn ist brennend und plötzlich wie Sonnenlicht. Er wendet sich an Midas und sagt: "Ohren, die so falsch hören und Schönheit nicht erfassen können, können keine menschlichen Ohren sein! Wenn das so ist, möge die Form der Seele entsprechen!" Und in diesem Moment greift Apollon nach Midas' Ohren, zieht sie und dehnt sie aus, gibt ihnen grobes Haar u