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Nationalismus und Ethnizismus

Eine Ideologie, die das nationale Bewusstsein, das sich um gemeinsame Sprache, Geschichte und Kultur formt, in den Mittelpunkt stellt.

Einführung Nationalismus ist eine der bestimmendsten, transformierendsten und zugleich widersprüchlichsten Ideologien der modernen Geschichte. In seiner einfachsten Definition ist es ein Denksystem, das besagt, dass die Menschen auf der Welt in politische Gemeinschaften unter dem Namen "Nation" unterteilt sind, die jeweils das Recht auf eigene Souveränität besitzen und deren gemeinsame Identität die höchste Loyalität des Individuums erfordert. Diese Idee hat die Vorstellungen von Legitimität, die einen großen Teil der Menschheitsgeschichte beherrschten (Dynastietreue, religiöse Zugehörigkeit, imperialer Untertanenstatus), zerschlagen und die Quelle politischer Autorität vom Himmel auf die Erde, von Gott zur "Nation" verlagert. Nationalismus ist jedoch keine einheitliche und feste Ideologie. Es ist ein äußerst flüssiges Phänomen, das je nach historischem und sozialem Kontext ständig neu interpretiert wird und verschiedene, sich widersprechende Formen annehmen kann. Einerseits ist es zur Fahne des Befreiungskampfes unterdrückter Völker und des Rechts auf Selbstbestimmung geworden; andererseits wurde es als legitimierende Ideologie für die brutalsten Formen des Kolonialismus, ethnischer Säuberung und Kriege verwendet. Es hat sowohl die Ideale der Französischen Revolution von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" inspiriert als auch den theoretischen Boden für den rassistischen Imperialismus des nationalsozialistischen Deutschlands bereitet. Diese widersprüchliche Natur macht das Verständnis des Nationalismus sowohl notwendig als auch äußerst komplex. Diese Erzählung wird die große und widersprüchliche Reise des Nationalismus in drei Hauptteilen behandeln, wobei sie bis ins kleinste Detail eingeht. Der erste Teil beginnt in der vormodernen Welt und untersucht, wie der Gedanke der Aufklärung und die Französische Revolution die Idee des Nationalismus hervorgebracht haben; der zweite Teil betrachtet, mit welchen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Dynamiken sich diese Idee im 19. Jahrhundert zu einer populären Bewegung entwickelt hat; der dritte Teil wird untersuchen, wie dieser globale Strom unter den türkischen Elementen im Osmanischen Reich Fuß gefasst hat und wie ein einzigartiges Beispiel türkischen Nationalismus entstanden ist. 1. Kapitel: Die Entstehung des Nationalismus: Der Zusammenbruch der Alten Welt und die Suche nach einer neuen Legitimität (18. Jahrhundert - 1815) Nationalismus ist ein völlig neues Phänomen, das in der vormodernen Welt nicht existierte. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Menschen zuvor kein Zugehörigkeitsgefühl zu irgendeiner Gruppe hatten; selbstverständlich fühlten sich die Menschen einer Familie, einem Stamm, einer Religion, einer Stadt oder einem Herrscher verbunden. Aber die Idee einer „Nation“, die als legitime Quelle der Souveränität angesehen wird, in der alle Mitglieder gleichberechtigte Bürger sind, ist eine Idee, die der Moderne eigen ist. Die Entstehung dieser Idee ist das Produkt einer Reihe tiefgreifender struktureller Veränderungen und intellektueller Revolutionen. 1.1. Politische Legitimität und Identität in der vormodernen Welt: In der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen europäischen politischen Struktur basierte auf dem Anspruch zweier universeller Autoritäten, die miteinander verflochten und oft im Konflikt standen: dem Papsttum (geistliche Autorität) und dem Heiligen Römischen Reich (weltliche Autorität). Die Quelle der politischen Legitimität war Gott, und diese Legitimität wurde durch Dynastie, Blutsverwandtschaft an den König übertragen. Ein Stück Land gehörte nicht den darauf lebenden Menschen, sondern der Dynastie, die es durch Erbschaft, Eroberung oder Heiratsallianzen erlangte. Die Identität eines einfachen Bauern wurde weniger durch das „Franzose“ oder „Deutsche“ sein bestimmt, sondern vielmehr durch das Dorf, dem er angehörte, den feudalherrn, dem er unterstand, und vor allem durch die Religion (Christentum). Verschiedene Regionen sprachen unterschiedliche Dialekte und unterlagen unterschiedlichen Sitten und Gebräuchen. Die Untertanen des Königs waren das Eigentum des Königs; es gab keine unmittelbare, direkte politische Verbindung zwischen ihm und dem Staat. In dieser Welt war die Idee einer „Nation“, also die Vorstellung eines Volkes, das auf einem Stück Land lebt, eine gemeinsame Identität hat und der eigentliche Inhaber der Souveränität ist, sowohl politisch undenkbar als auch soziologisch unmöglich. 1.2. Die Entstehung des modernen Staates und „Proto-Nationalismus“: Diese traditionelle Ordnung begann ab dem 16. Jahrhundert, insbesondere durch die aufkommenden absoluten Monarchien in England und Frankreich, allmählich erodiert zu werden. Die Könige begannen, die Macht der feudalen Herren und der Kirche zu brechen, Steuern regelmäßig zu erheben und stehende Heere zu bilden, indem sie die Macht zentralisierten. Dieser Prozess schärfte die Grenzen des Staates, entwickelte ein gemeinsames Rechtssystem (basierend auf dem römischen Recht) und, am wichtigsten, wurde ein bestimmter Dialekt als "Amtssprache" standardisiert, um die administrativen Geschäfte durchführen zu können. Das 1539 in Frankreich erlassene Edikt von Villers-Cotterêts war ein gewaltiger Schritt in Richtung der Standardisierung der Sprache und der Schaffung einer administrativen Infrastruktur für die nationale Einheit, indem es anordnete, dass alle offiziellen Verfahren auf Französisch anstelle von Latein durchgeführt werden sollten. Dieser Prozess bereitete unbewusst die administrative, rechtliche und sprachliche Infrastruktur für die Einheit vor, die später als "Nation" bezeichnet werden sollte. Obwohl es noch nicht auf der Souveränität des Volkes basierte, stärkte es die Idee, eine politische Einheit zu schaffen, die auf einem bestimmten Stück Land, einem gemeinsamen Recht und einer Verwaltung beruhte und loyal zum König war. Historiker nennen dieses Phänomen "Proto-Nationalismus" oder "Staatsnationalismus"; es ist nicht der Nationalismus selbst, sondern das strukturelle Fundament, das seine Entstehung möglich macht. 1.3. Aufklärungsgedanken: Die Erfindung des "Volkes" als Quelle der Legitimität: Der eigentliche revolutionäre Bruch kam mit den Aufklärungsgedanken des 18. Jahrhunderts. Die Aufklärungsphilosophen verlagerten die Quelle der politischen Legitimität von Gott und dem König direkt auf das "Volk" und die "Nation". Dies war eine gewaltige geistige Revolution, die das Fundament der modernen politischen Philosophie legte. John Locke (1632-1704) und die Zustimmung zur Regierung: Obwohl er kein Nationalist war, legte Lockes Zwei Abhandlungen über die Regierung die philosophischen Grundlagen der Idee der Volkssouveränität, indem er behauptete, dass die Legitimität der Regierung auf der Zustimmung der Regierten beruht und dass diese Zustimmung widerrufen werden kann. Seine Definition des Eigentumsrechts als ein natürliches Recht machte das Individuum zu einem Subjekt mit unveräußerlichen Rechten gegenüber dem Staat. Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und der "Allgemeine Wille": Der wichtigste und direkteste Vorläufer des Nationalismus ist Rousseau. In seinem 1762 veröffentlichten Gesellschaftsvertrag behauptete er, dass Individuen durch ihren freien Willen zusammenkommen, um einen "allgemeinen Willen" (volonté générale) zu bilden, der ihre gemeinsamen Interessen repräsentiert, und dass die Souveränität unteilbar und unveräußerlich diesem Volk gehört. Seiner Meinung nach war der legitime Staat eine Republik, die den Ausdruck dieses allgemeinen Willens darstellt. Rousseau erhob das Konzept des "Bürgers" (citoyen); der Bürger war ein aktives und tugendhaftes politisches Wesen, das sein eigenes privates Interesse dem allgemeinen Willen unterordnete. Er betrachtete die Liebe zum Vaterland als die höchste Tugend und entwickelte die Idee einer "zivilen Religion", in der die Bürger sich mit dem Staat identifizieren und durch öffentliche Zeremonien und Rituale miteinander verbunden sind. Rousseaus Gedanken würden eine direkte Inspirationsquelle für den Nationalismus der Jakobiner in der radikalen Phase der Französischen Revolution sein. Johann Gottfried von Herder (1744-1803) und der "Volksgeist": Diese einzigartige Figur der deutschen Aufklärung verlieh dem Nationalismus eine kulturelle und sprachliche Tiefe, die sich von Rousseau unterschied. Herder wandte sich gegen den universellen und rationalen Ansatz der Aufklärung und behauptete, dass die Menschheit aus verschiedenen "Völkern" (Volk) besteht, die jeweils einen einzigartigen und wertvollen "Geist" (Volksgeist) besitzen. Seiner Meinung nach ist das wichtigste, ja fast heilige Element, das eine Nation definiert, ihre Sprache. Die Sprache ist ein lebendiger Organismus, der die Denkweise, die Geschichte, die Schmerzen, die Freuden, die Lieder, die Märchen und das kollektive Gedächtnis einer Nation trägt. Herder sagte, dass jede Nation ihren eigenen einzigartigen Weg verfolgen müsse und dass universelle Modelle künstlich und unterdrückend seien. Besonders gegen die Dominanz der französischen Kultur an den europäischen Höfen rief er das deutsche Volk dazu auf, zu seiner eigenen Sprache, seinen eigenen Volksliedern und seiner eigenen Geschichte zurückzukehren. Er sah die Nation nicht als politisches Projekt, sondern als ein organisches, kulturelles Wesen, das aus den Tiefen der Geschichte kommt. Herders Ideen würden im 19. Jahrhundert zum grundlegenden Text der kulturellen Erwachungsbewegungen der politisch unvereinigten Völker (Deutsche, Italiener, Slawen) in Mittel- und Osteuropa werden. Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) und die "Reden an die deutsche Nation": Die wichtigste Figur, die Herders kulturellen Nationalismus in eine politische Agitation verwandelte, war Fichte. In den Jahren 1807-1808 hielt er in dem von Napoleon besetzten Berlin seine berühmten Reden an die deutsche Nation , die zu den Gründungstexten des deutschen Nationalismus gehören. Fichte behauptete, dass die Deutschen, im Gegensatz zu anderen europäischen Völkern, eine reine und unverfälschte Sprache sprechen und daher ein ursprüngliches "Urvolk" (Urvolk) sind. Seiner Meinung nach hatte die deutsche Nation nicht nur eine gemeinsame Kultur, sondern auch eine historische Mission, die moralische und spirituelle Entwicklung der Menschheit zu fördern. In diesen Reden rief Fichte zu einem nationalen Bildungssystem auf, um einen neuen deutschen Menschen zu schaffen und die Deutschen unter einem einzigen Staat zu vereinen. Dies ist das erste wichtige Beispiel dafür, wie kultureller Nationalismus ein politisches und sogar expansionistisches Potenzial tragen kann. 1.4. Großer Katalysator: Die Französische Revolution und die Verkleidung der Nation in Fleisch und Blut (1789): Das Ereignis, das den Nationalismus von der Theorie in die Praxis, von den Büchern der Philosophen auf die Straßen, Plätze und Schlachtfelder brachte, ist zweifellos die Französische Revolution von 1789. Die Revolution erklärte, während sie die Monarchie stürzte, dass die Quelle der Souveränität nun "das französische Volk" sei. Dies ist ein Wendepunkt in der Weltgeschichte. Volkssouveränität und die Geburt des Bürgers: Die 1789 einberufenen Etats-Généraux (Ständeversammlung) erklärte sich selbst zur "Nationalversammlung" und verkündete damit faktisch, dass die Souveränität dem Volk gehört. Die am 26. August 1789 angenommene Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte verband dieses neue Verständnis mit universellen Prinzipien. Artikel 3 der Erklärung besagt: "Der Kern aller Souveränität liegt im Wesentlichen im Volk. Keine Institution, kein Individuum kann eine Autorität ausüben, die nicht ausdrücklich vom Volk ausgeht" und stellte damit das grundlegende Axiom der modernen Politik auf. Der "Untertan" des Königs verwandelte sich in eine "Nation" aus gleichberechtigten "Bürgern", die Rechte und Pflichten besitzen. Dies war die Herabkunft der politischen Legitimität von den Himmeln auf die Erde. Der Aufbau der nationalen Einheit und die Schaffung des "Anderen": Die Revo

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